Gegen kürzere Lebenserwartung von Männern

Die kürzere Lebenserwartung von Männern

Alter Männer auf Parkbank

 

Warum sterben Männer früher als Frauen?

In fast allen Ländern leben Frauen länger als Männer, in vielen Gesellschaften volle sieben Jahre. Ganz gleich, ob Männer Fischöl trinken, Müsli essen oder das Rauchen aufgeben – bisher galt die Lehrmeinung: Sie könnten den Rückstand bei der Lebenserwartung zu den Frauen niemals aufholen. Ein Abstand von ein paar Jahren werde immer bleiben.

Marc Luy untersucht am Vienna Institute of Demography die Lebenserwartung von Männern und Frauen, er sagt, dass in Ländern wie Deutschland die Sterblichkeitsunterschiede zwischen Frauen und Männern vor allem auf nicht biologische, also auf beeinflussbare Faktoren zurückzuführen sind.

Genforscher behaupteten, dass zu den tragischsten Tatsachen des Männerlebens gehört, dass sie mit einem eingebauten Defekt auf die Welt kommen. Es wurde auf die biologische Tatsache verwiesen, dass der Mann von Natur aus nur ein X-Chromosom besitzt und dazu ein kleines Y-Chromosom, auf dem sich nur wenige Gene befinden. Anders als der Frau fehle dem Mann deshalb eine Art Sicherheitskopie, um Schäden auf dem X-Chromosom auszugleichen. Außerdem seien die Schutzkappen (Telomere) auf seinen Chromosomen kürzer als die einer Frau und verkümmerten deshalb schneller.

Ist der Überlebensnachteil des Mannes wirklich ein biologisches Schicksal?

Zumindest im Tierreich gibt es viele Gegenbeispiele.

Bei etlichen Vogelarten leben die Männchen in der Regel länger als die Weibchen, aber auch bei manchen Säugetieren ist das statistisch gesehen so, obwohl sie auch nur über ein X-Chromosom verfügen, z.B. die Wildhunde. Sie leben in Rudeln, in denen sich die Mitglieder gegenseitig helfen und sich keine Kämpfe liefern. Im Gegensatz zu vielen gesellig lebenden Tieren gibt es hier keine richtige Befehlsgewalt und keine auf den ersten Blick ersichtliche Rangordnung. Es gibt keine Hierarchie, nur ein einziges Männchen aus dem Rudel zeugt mit einem Weibchen Nachwuchs. Die Welpen werden dann von allen weiblichen und männlichen Rudelmitgliedern behütet und von ihnen gefüttert. Fürsorge und Friedfertigkeit scheinen sich auch bei Menschenaffen günstig auf die Lebenserwartung auszuwirken, wie ein Vergleich dreier Arten zeigt:

Männliche Schimpansen verhalten sich wie Machos und kümmern sich fast gar nicht um die Aufzucht der Jungen. Sie sterben viel früher als die Weibchen.

Die Silberrücken bei den Gorillas wiederum überlassen den Weibchen zwar ebenfalls den größten Teil der Kinderaufzucht, aber sie beschützen ihre Familie und spielen hin und wieder mit den Kleinen. Diese zarte Seite ist anscheinend mit einer erhöhten Lebenserwartung verbunden, sie leben annähernd so lange wie die Weibchen.

Die männlichen Siamangs sind noch fürsorglicher. Sie leben jeweils mit einer festen Partnerin zusammen und praktizieren so etwas wie Elternzeit: Im ersten Jahr nach der Geburt kümmert sich das Weibchen um den Nachwuchs, danach übernimmt das Männchen und schleppt das Junge so lange mit sich herum, bis es laufen und klettern kann. Bei den Siamangs leben die Männchen etwas länger als die Weibchen.

Übertragen auf den Homo sapiens könnte das bedeuten, dass Familienväter, die nicht fremdgehen, die Spülmaschine ausräumen und sich intensiv um den Nachwuchs kümmern, einen Überlebensvorteil gegenüber jenen wilden Kerlen, die Affären haben und die Familie im Stich lassen.

Tugendhaftes Eheleben ist beim Menschen allerdings eine kulturelle Errungenschaft, rein evolutionär ist Männern und Frauen die harmonische Einehe eher fremd. Die meiste Zeit in der Stammesgeschichte haben männliche Vertreter der Gattung Homo versucht, mit möglichst vielen Frauen Nachwuchs zu zeugen, dieses polygyne Paarungsverhalten schlummert bis heute im modernen Menschen, glaubt der Biologe David Gems vom University College London.

Es haben sich insbesondere jene Männer fortgepflanzt, die auch im fortgeschrittenen Alter fruchtbar waren. Für diese Hypothese spricht, dass sich auch etliche heutige Frauen zu älteren aber körperlich fitten Männern hingezogen fühlen und mit ihnen Nachwuchs zeugen. Solche späten Väter sind im Laufe der Evolution sehr erfolgreich gewesen und haben ihre Erbanlagen, die sie so vital machen, an ihre Kinder weitergegeben. Auf diese Weise wurde der Mensch zu einer biologischen Art, deren Mitglieder lange leben – allerdings vor allem die Frauen.

Bei den Männern hingegen führte der zermürbende Konkurrenzkampf dazu, die statistische Lebenserwartung zu verkürzen. So ist zwischen 20 und 24 für einen Mann die Wahrscheinlichkeit zu sterben mehr als zweimal so hoch wie für eine Frau. In den mittleren Jahren, wenn die Familiengründung abgeschlossen ist, nähern sich die Sterblichkeitsraten der Geschlechter an. Erst zwischen 50 und 55 Jahren werden die Unterschiede wieder größer. Männer sterben vermehrt durch Herzinfarkte, Lungenkrebs oder alkoholische Leberkrankheit.

Britische Wissenschaftler, die die Todesursachen in 30 Ländern Europas untersucht haben, stellten fest, dass das Rauchen für 40 bi 60 Prozent des Mortalitätsunterschiedes zwischen Frauen und Männern verantwortlich ist, der übermäßige Konsum von Bier, Wein und Schnaps für 10 bis 20 Prozent.  60 Prozent der Männer sind Raucher oder Exraucher, wobei mehr als 50 % der Frauen noch nie geraucht haben. Doch die Zahl der männlichen Raucher sinkt, was ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Lebenserwartung von Männern und Frauen in jüngster Zeit sich angenähert hat.

Männer sind aggressiver und leben riskanter, dies wurde bisher vor allem auf das Testosteron zurückgeführt. Darüber hinaus soll Testosteron das Herz schwächen, die Anfälligkeit für Infekte erhöhen, die Stoffwechselprozesse beschleunigen und den Körper bei hoher Leistung verschleißen. Nach dieser Theorie müsste die Entfernung der Hoden, in denen große Mengen Testosteron produziert werden, wie eine ultimative Anti-Aging-Kur wirken. Tatsächlich ist es so, dass Kastraten deutlich länger leben als unversehrte Männer. Liegt die bei Eunuchen beobachtete höhere Lebenserwartung wirklich nur an dem fehlenden Testosteron?

Oder verhelfen geregelte, ruhige Verhältnisse auch dann zu einer höheren Lebenserwartung, wenn die körpereigene Testosteronproduktion normal läuft? Könnten Männer also in einer friedlichen und gesunden Umwelt genauso alt werden wie Frauen?

In einer Studie untersuchte Luy, wie sich die Lebenserwartung verändert, wenn Menschen ins Kloster gehen. Die Lebenserwartung der Nonnen ging steil nach oben – allerdings auch bei den Frauen der Normalbevölkerung. Wer also als Frau so alt werden möchte wie eine Nonne, muss dazu nicht ins Kloster gehen.

Anders das Bild bei den Männern: Verglichen mit den Geschlechtsgenossen außerhalb, hatten männliche Klosterbewohner eine um vier Jahre höhere Lebenserwartung. Wer also so alt werden möchte wie ein Mönch, sollte wohl einer werden oder zumindest so leben.

Barbagia heißt ein großer Teil eines felsigen Hochplateaus in Sardinien, weil die alten Römer diese Bewohner als Barbaren verspotteten, da sie in einer so unwirtlichen Gegend hausten.  Das Land der Barbaren ist heute das Land der Hundertjährigen. Die uralten Männer die dort leben, haben so gut wie nie geraucht, haben von Kindesbeinen an als Hirten gearbeitet. Manche blieben neun Monate mit den Herden in den Bergen. Im Durchschnitt legten sie dabei jeden Tag mehr als zehn Kilometer zurück. Sie haben stets maßvoll gegessen, auch Wein haben die Inselbewohner früher nur selten getrunken. Die naturgegebene Diät und der Hirtenberuf schufen Anfang des vorigen Jahrhunderts offenbar den Rahmen für einen einzigartigen Feldversuch mit bemerkenswertem Ausgang. Weil die Umstände perfekt passten, konnten Männer die gleiche extrem hohe Lebenserwartung wie die Frauen erreichen.

Heute fahren auch die Hirten mit dem Geländewagen zu den Weiden und sitzen abends vor dem Fernseher oder Computer. Die genügsame Ernährung scheint ebenfalls passé. Das schlägt sich bereits in den Sterbetafeln nieder.

In den westlichen Staaten sind zumindest immer mehr Männer auf dem richtigen Weg. Viele pflegen heute einen Lebensstil, der die Risiken der modernen Welt – Rauchen, Bewegungsmangel und Fast Food – zu vermeiden versucht. Dass die Frauen in der Überlebensstatistik trotzdem einen so großen Vorsprung haben, könnte daran liegen, dass es zugleich noch Gruppen von Männern gibt, die wenig auf sich achten und eine hohe Sterblichkeit haben. Studien zur Sterblichkeit von Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen Industrieländern ergaben, dass es einige Männer mit hohen Risiken gibt, die den Durchschnitt der Lebenserwartung deutlich nach unten zieht.

Es wurden auch die Daten ausgewertet, in der 8500 Frauen und Männer schon vor längerer Zeit Auskunft über ihre Ausbildung, ihr Einkommen und ihren ausgeübten Beruf gegeben hatten, außerdem waren die Sterbedaten dieser Menschen bekannt.

Das Ergebnis war: Wer arm ist, muss früher sterben – und das gilt vor allem für Männer. Das ärmste Viertel hat eine um knapp sechs Jahre geringere Lebenserwartung als das reichste Männer mit Hauptschulabschluss sterben mehr als sechs Jahre früher als Akademiker. Eine Frau mit einfachem Abschluss hat eine um 2 - 3 Jahre geringere Lebenserwartung als eine Akademikern.

Es wird vermutet, dass sich bei sozialer Benachteiligung Frauen nicht so schnell in ihr Schicksal ergeben, sie gehen besser mit Problemen um.

So rücken Männer aus sozialen Randgruppen zunehmend ins Blickfeld der staatlichen Gesundheitsvorsorge. Ihnen sollte gezielt geholfen werden.

Doch am Ende zählt das Sprichwort:

SELBST IST DER MANN

Wer gern die Lebenserwartung einer Frau hätte, muss nicht nach Sardinien auswandern. Es würde vermutlich schon reichen, nicht zu rauchen, sich jeden Tag ausreichend zu bewegen und sich so gesund wie ein Ziegenhirte im vorigen Jahrhundert zu ernähren.